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Reden
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Professor Karl Oppermann
zu „Berliner Figurationen“
Rede im Haus des Rundfunks, Berlin Juli 1984
Renée Strecker ist zwar nicht am Steinplatz geboren, doch ist sie in der Hochschule aufgewachsen,
so daß man mit Recht behaupten kann, sie ist ein wahres Kind dieser Anstalt.
Ich erinnere mich genau, wie ihre Mutter, damals Goldschmiedestudentin, die Kleine im
Akademiegarten herumkrabbeln ließ, zu einer Zeit, als Nebenhörerbabys noch nicht zur
Hochschulselbstverständlichkeit gehörten. Die damalige Studentengeneration, geübt in der
Kunst des Überlebens und ausgerüstet mit einer guten Portion Neugier, schafft sich für die
Semesterferien ein billiges Domizil auf Stromboli an.
Als eine der Ersten ist Mutter Strecker dabei: Später wird sie sich ansiedeln. Renée wechselt mit ihr dorthin,
bleibt also dem Kunstmilieu treu, bis sie ihre Schulpflichten in Berlin erledigen muß.
Eigenwillig, aber aufgeweckt, tut sie dann meist das, was ihr Spaß macht:
Neben den musischen Fächern lernt sie fremde Sprachen.
Ein längerer USA-Studienaufenthalt läßt sie bald genauso Englisch parlieren, wie ihre deutsche und
italienische Muttersprache.Renée Strecker kann auch Russisch, Spanisch und Französisch reden.
Aber sie schreibt deutsch-poetisch und klar. Ihre tagebuchartigen Geschichten zu lesen ist ein Gewinn.
Aus der Beherrschung der Fremdsprachen für sich berufliche Ambitionen abzuleiten, ist sie zu klug,
denn sie weiß wohl, das Können allein kann nicht der Grund einer Berufswahl sein,
vielmehr bietet die Neugier auf das Unbekannte, das Entdecken einer neuen Welt ihrem Typus die Lebensperspektive.
Während sie einen Teil ihrer Oberschulzeit auf der Schulfarminsel Scharfenberg verbringt,
die für ihre musische Aufgeschlossenheit bekannt ist, entscheidet sie sich Malerei zu studieren.
Die Hochschule der Künste erlebt sie „unheimlich powerig“ und voll berlinernd. Hinter dieser bewußt
zur Schau getragenen Burschikosität liegt eine Empfindsamkeit und die Verletzbarkeit bloß, die nicht
nur persönliche und künstlerische sondern durchaus auch gesellschaftspolitische Reflektionen einschließt.
Obwohl sie sich in der Rolle des Enfant terrible wohlfühlt, bleibt sie dabei Kind: einfallsreich und nie anmaßend.
Ihr Anspruch formuliert sich allerdings sehr bald individuell: Künstlerisch sucht sie zunächst das Experiment,
probiert Materialien aus, versucht Strukturen zu kombinieren und arbeitet spielerisch und risikoreich.
Mit dem Anspruch auf ausgeprägten Individualismus ist sie für gesellschaftspolitische Gruppen ein
Problemkind: intelligent und anregend zwar aber konsequent ausbrechend, wenn die Theorie den Blick des gesunden
Menschenverstandes und für simple Lebensnotwendigkeiten zu verstellen droht. Mag sein, daß sich ihr Blick für
einfache Bedürfnisse in ihrer italienischen Wahlheimat geschärft hat.
Während ihrer langen Aufenthalte dort, ohne Strom und fließend Wasser, allein auf sich gestellt und nur
gelegentlich mit ein paar Inselbewohnern redend, einsam mit einer harten Natur, formt sich mit dem Charakter
zugleich auch das Bild von der Welt der Renée Strecker.
In immer neuen Variationen erscheinen auf Bildern und Zeichnungen Himmel, Meer und Erde, eingetaucht in
eine reduzierte, atmosphärische Farbigkeit. Grau-Braun-Blau in zarten Abstufungen,
gelegentlich eine stark gesetzte Farbe, eingebettet in Weißtöne und vorgetragen in einer
kultivierten, sensiblen Handschrift, die Renée Streckers Malerei kennzeichnet.
Einfach, wie die Landschaft der Insel, ist die lineare Struktur der meisten ihrer Bilder: die Horizontlinie,
gelegentlich gesteigert durch den Berg und senkrecht gegliedert durch Lichtbrechungen, die Himmel und Erde verbinden.
Die gleiche lineare Komposition findet sich auch in ihren Collagen. Diese, aus Fundstücken der Vergänglichkeit,
wie vergilbte Fotos, Heiligenbilder, Schreibheftfetzen und bemalten Teilen kombinierten Blätter werden zumeist von
der Kreuzform beherrscht. Senkrecht-waagerecht, Hoffnung und Golgatha. Sie sind Hinweise auf ihre Erfahrung der Welt im Glauben. Renée Strecker erzielte mit solchen Bildern bereits erste Erfolge und Auszeichnungen auf Ausstellungen in München und Berlin.
Sie geht den Weg ihrer künstlerischen Entwicklung unbeirrt von Modeströmungen konsequent weiter.
Revolutionäre Ambitionen liegen ihr ebenso fern wie Anpassung an modische Tendenzen.
(Karl Oppermann, Berlin, im Juli 1984)
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