R E N É E   S T R E C K E R




Gedichte
Zu den Bildern


Ich bin die ewige Sammlerin,
die mit Rucksack und Platiktüte
durch Häuser zieht
Baustellen und Ruinen liebt,
Orte der intensivsten Prozesse.


Wände wachsen aus Sand
bilden für eine Weile
Formen – Häuser genannt
Häuserwände
aus Zeit und Ereignis gebaut
aus Rhythmus von Fläche und Farbe
geschichtet zu Stein
gedichtet.


Ich finde im Spiel mit dem Zufall
das Bild,
erfinde die Freiheit
aus fließender Form.
Am Anfang war
nicht Wort noch Norm,
am Anfang war
das Bild.


(Aus dem Katalog: Renée Strecker,
Ölbilder und Collagen, 1988)
© Renée Strecker

Geburt


kleiner, porzellanäugiger Engel
fiel aus dem Staub –
Aristokrat und Harlekin
zu Gast, verirrt
bei mir –
und deine Augen fragen
wo bin ich


(2. Juli 1990)
© Renée Strecker
Die Möve


Ausgewaschen
meerumspült
liegen Felsen am Strand
und dort auf einem
die Silbermöve
über dem weißen Sand –


Ihr Flug geht leicht
in Meeresweite
wie Wogen und Worte heiter
sie freut sich
der salzigen Beute
aus goldener Gischt
und zieht lachend
weiter


(Dezember 1990)
© Renée Strecker
Über Worte


Worte
rhythmisieren die Zeit
sind Lobgesang
an die Vergänglichkeit
Worte sind Atmen
sind wie die Liebe
Metapher für Leben –


erst im Tod des Wortes
erst im Ende des Klanges
lebt ein Sinn


und wächst
und wird zum Gedanken
zielvoll und wandert
zu Dir


(30.3.1996)
© Renée Strecker
Novembersand


In mein Fenster
bricht die Dunkelheit ein
die Blätter
färben sich leise
im Sternenschein


ich höre den feinen
Novembersand
rieseln
von meiner Häuserwand


(Dezember 1997)
© Renée Strecker
Berlin


Berlin
geliebte Wunde
Du Lager
der gefangenen Gedanken


Du schöner Platz
von Spitzen umzingelt
mitten im Herzen
geliebter Dolch


Du Postkartenbühne
voller Tänzer
auf gläsernen Dielen
spielt kalte Musik


und unten ruht
der Sand, der geliebte
und schweigt
und weiß


(Januar 2001)
© Renée Strecker
Für Judith


Der gelbe Ginster
ist dein blondes Haar
der spröde Vulkanstein
ist dein wilder Gang
das grenzenlose Meer
ist das Blau deiner Augen
im Schrei der Sehnsucht
ruft der kreisende Bussard
nach dir
und seine Stimme ist rau
wie deine Stimme.


( Juli 2004)
© Renée Strecker